1394

Ich bin zwar eine Woche zu spät dran, wollte euch aber trotzdem noch ‚Happy Norouz!‘ wünschen. Norouz ist das iranische Neujahrsfest und das größte Fest des Jahres im Iran. Die Perser richten sich nach einem reinen, 1925 gesetzlich festgelegten Sonnenkalender. Da der Jahresbeginn auf den astronomischen Frühlingsbeginn festgelegt wird, beginnt das neue Jahr im März, bzw. im iranischen Monat Farvadin. Die Zeitrechnung startet bei der Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Daher befinden wir uns hier jetzt also im Jahr 1394. Das hat bei mir die Frage aufgeworfen, was in Deutschland 1394 so los war. Auf weltchronik.de konnte ich mich darüber informieren, dass König Wenzel vorübergehend von seinem Vetter Jobst von Mähren gefangen genommen wurde und darüber hinaus die Kölner und Kurpfälzer Kurfürsten über eine Kandidatur des englischen Königs Richard II zum deutschen König verhandelt haben. Aha. Ich muss gestehen, dass ich noch nie ein großer Geschichtsfan war und auch diese bahnbrechenden Erkenntnisse haben mich nicht dazu bewogen, einer zu werden. Viel spannender finde ich, wie hier Norouz gefeiert wird (und ja, auch das hat einen geschichtlichen Ursprung, ich weiß).

Norouz bedeutet übersetzt ’neuer Tag‘. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass es sich um ein Fest zarathustrischen Ursprungs handelt und seit etwa 3000 Jahren gefeiert wird.

Die Norouzfeierlichkeiten erstrecken sich über einen Zeitraum von zwei Wochen, wobei man dazu sagen muss, dass es einen Monat vorher schon zugeht wie bei uns in der Vorweihnachtszeit. Diese Zeit nutzen die Iraner nämlich dafür alles ’neu zu machen‘. Das geht vom Hausputz über den Kauf von neuen Gardinen bis hin zum Kauf von Geschenken für die Lieben oder den Kauf eigener neuer Garderobe. Am eigentlichen Norouzabend ist es nämlich üblich, zumindest ein neues Kleidungsstück zu tragen (just one reason to love Norouz!). Bei all den Vorbereitungen ist es natürlich nicht verwunderlich, dass es in der Stadt zu noch mehr Stau kommt, als sowieso schon. Diesen Stau nutzen iranische Jugendliche, um als ‚Haji Firuz‘ zwischen den Autos herumzuspringen. Ich habe den Sinn dahinter noch nicht ganz verstanden, habe den rotgekleideten und im Gesicht schwarzbeschmierten singenden Figuren aber meistens eine Kleinigkeit gegeben, da sie sich sonst nicht vor dem Auto wegbewegen und die einzige, gesellschaftlich nicht akzeptierte Alternative Überfahren wäre.

Die eigentlichen Feierlichkeiten beginnen in der Nacht zum letzten Mittwoch des Jahres, an dem Tschahar-Schanbe-Suri (Tschahar-Schanbe = Mittwoch, Suri = Röte bzw. Feuer). An diesem Abend werden Feuer angezündet, über die der Reihe nach oder Hand in Hand gesprungen wird. Traditionell sagt man dazu den Spruch Das Gelbe (die Krankheit) in meinem Gesicht ist für dich, das Rote (die Gesundheit) in dir soll zu mir. Das soll dazu dienen, das Alte hinter sich zu lassen und Glück für das neue Jahr bringen. Ich habe natürlich die Gelegenheit genutzt und bin elegant wie eine Elfe über fünf hintereinander angezündete Feuer gesprungen. Leider habe ich den Spruch nicht aufgesagt, weil mich das multi-tasking-technisch überfordert hat.  Ich hoffe es wirkt trotzdem, bin aber zumindest schon mal froh, dass ich mir nicht den Hintern verbrannt habe.

TschaharSchanbeSuri

Hat man das Feuerspringen unbeschadet überstanden geht es daran, den wohl wichtigsten Brauch Haft Sin vorzubereiten. Hierbei handelt es sich um einen Tisch mit sieben Gegenständen, die alle mit dem persichen Buchstaben ’sin‘, als ’s‘ beginnen.

Traditionell wird aufgetischt:

  • – Sabze (Weizen bzw. alternative Linsensprossen) = neues Leben
  • – Samanu (Weizenspeise) = gute Ernte
  • – Sir (Knoblauch) = Medizin
  • – Somagh (Gewürz) = Sonnenaufgang
  • – Sib (Apfel) = Schönheit und Gesundheit
  • – Senjed (Mehlbeeren) = Liebe
  • – Serke (Essig) = Geduld und Alter

alternativ kann man auch Sekke (Münzen) = Reichtum oder Sonbol (Hyazinthe) = Natur auf den Tisch packen.

Zusätzlich wird der Tisch mit einem Spiegel (= Wahrheit, Ehrlichkeit), einem armen kleinen roten Goldfisch im Glas (steht für den Kara Mahi aus dem Zarathustrismus, einem mythischen Fisch der gegen schlechte Kreaturen kämpft), Wasser, Brot, bemalten Eiern (Fruchtbarkeit), Kerzen (Licht, Fröhlichkeit, außerdem heiliges Symbol des Zarathustrismus) und einem heiligen Buch dekoriert.

HaftSin

An Norouz gibt es dann Geschenke und das traditionelle Neujahrsessen, bestehend aus Reis mit grünen Kräutern und gebratenem Fisch.

Spätestens danach brechen viele iranische Familien zu einem Familienbesuch oder zu einem Urlaub, beispielsweise ans kaspische Meer auf. Teheran ist dann wie leergefegt.

Am 13. Tag des neues Jahres (Sizdah-Bedar) enden die Norouzfeierlichkeiten mit einem Picknicktag. An diesem Tag wird auch der Haft Sin Tisch abgedeckt. Die Goldfische werden dann übrigens in Teichen und Flüssen freigelassen.

Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu lang geworden…

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