Wie man innerhalb von 24 Stunden 9,5 Kilo verliert

O(h )man. Was für ein Wochenende. Ich weiß, ich hatte euch auf Facebook einen Einblick in mein Handgepäck versprochen, aber im Vergleich zu den letzten paar Tagen ist das ziemlich uninteressant. Der Donnerstag begann vielversprechend. Da der 13. Farvadin (der sogenannte Picknick-Tag) war, hatten wir frei, sodass ich ganz gemütlich meine Sachen packen und mich vorfreuen konnte. Um 16:00 Uhr ging es dann los zum Flughafen, wo wir beim Einchecken erfuhren, dass der Flug aufgrund eines Sandsturms in Bahrain zwei Stunden Verspätung hat. Am Schalter neben uns checkten Leute bei Oman Air ein, die direkt von Teheran nach Muscat fliegt. Leider wird diese Fluggesellschaft auf den meisten Flugseiten im Internet nicht angeboten, sodass wir erst zu spät von dem Direktflug erfahren haben und einen Flug mit Gulf Air über Bahrain gebucht haben. Naja. In dem Moment wusste ich noch nicht, wie sehr ich mir darüber ärgern werden würde. Am Schalter wurde uns versichert, dass wir trotz der zweistündigen Verspätung noch einen Anschlussflug nach Muscat bekommen würden.

Kurioser Fund am Flughafen Teheran. Lag da einfach, als alle zum Boarding aufstanden.

Kurioser Fund am Flughafen Teheran. Lag da einfach, als alle zum Boarding aufstanden. Sicherheitscheck???

Als wir mit zweistündiger Verspätung in Bahrain eintrafen brach die Hölle los. Wie sich herausstellte hatte der ‚kleine Sandsturm‘ den kompletten Flughafen des Königreichs lahm gelegt. Am Transfer Desk prügelten sich geschätzt dreihundert Menschen darum, an die Reihe zu kommen und ein neues Flugticket zu erhalten. In sämtlichen Ecken lagen Menschen und versuchten zwischen den schreienden Kindern und der schimpfenden Menge ein wenig Schlaf zu bekommen. In diesem Moment sah ich bereits erste Probleme unseren Weiterflug betreffend auf uns zukommen.

Wir verschafften uns erstmal einen Überblick. Eine Etage weiter oben ging es zu den Gates. Auch hier war alles voller gestrandeter Menschen. Die Monitore verkündeten, dass etwa drei Viertel aller Flüge verspätet oder gestrichen worden waren. Unser Weiterflug war auf 03:00 Uhr nachts verschoben worden, womit wir noch vier Stunden Zeit hatten, um uns am Transfer Desk unsere Anschlusstickets zu besorgen. Leichter gesagt als getan. Ich gab nach etwa einer halben Stunde in der Masse auf, da Männer verschiedener Nationalitäten mir aus allen Richtungen entschieden zu nahe kamen und naja, belassen wir es dabei. Ich war froh und dankbar, nicht allein unterwegs zu sein. Mein lieber Reisebegleiter kämpfte sich innerhalb von zwei Stunden zum Transfer Desk vor und tauchte mit zwei Tickets für 07:00 Uhr morgens wieder auf. Die Aussicht, eine Nacht am Flughafen verbringen zu müssen, anstatt in unserem gebuchten vier Sterne Bett zu liegen, begeisterte uns offensichtlich nicht besonders. Ein Hotel lohnte sich jetzt – es war bereits zwei Uhr nachts – allerdings auch nicht mehr. Also legten wir ein 0 Sterne Schläfchen neben der Sicherheitsschranke ein (überflüssig zu sagen, dass es natürlich weder Feldbetten noch Kissen oder Decken, geschweige denn etwas zu essen oder einen Schluck Wasser gab). Alfonso bot sich dankbarerweise als Kopfkissen an. Trotzdem war es nicht länger als anderthalb Stunden auf dem Boden auszuhalten. Inzwischen hatte auch die Klimaanlage versagt. Es war stickig und stank nach Schweiß, Käsefüßen und vollen Windeln. Die Toiletten waren ebenfalls nicht auf eine so große Masse an Leuten ausgerichtet. Als ich es nicht mehr aushalten konnte schlappte meine Hose durch eine Mischung aus Urin und Putzwasser, das sich auf dem Boden angesammelt hatte. Es war widerlich. Wir fanden schließlich bei McDonalds Zuflucht. Die Mitarbeiter hatten ein Herz und ließen uns auf den Bänken schlafen.

Welcome to Bahrain my ass...

Welcome to Bahrain my ass…

Morgens dann die nächste Überraschung. Der Flug war erst für 9 anstatt für 7 Uhr angesetzt worden. Zwei weitere Stunden warten. Gegen elf Uhr dann die Nachricht, dass der Flug gecancellt worden sei. Von nirgendwo war Information zu erhalten. Der Mitarbeiter an der Flughafeninformation war schon vor Stunden geflohen, zum Transfer Desk war nicht durchzudringen. In der Lounge von Gulf Air konnte man uns auch nicht weiterhelfen. Es hieß nur wir sollten bitte warten.

Ich hatte inzwischen so starke Kopfschmerzen, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Mein Reisebegleiter parkte mich mit einer großen Packung Schmerztabletten in einer einigermaßen ruhigen Ecken und schlug sich in stundenlanger Arbeit erneut zum Transfer Desk durch. Auch von dort war keinerlei brauchbare Information zu erhalten. Da wir zum Glück ein Visum bei Einreise erhalten konnten, sammelte er mich ein und schob mich Richtung Ausgang. Wir erhielten unsere Visa und standen vor der nächsten Herausforderung: Finde dein Gepäck! Die Mitarbeiter forderten uns, hilfreich wie immer dazu auf, selbst zwischen den Kofferbändern zu suchen wo überall völlig unbewacht herrenlose Koffer standen. Mein Reisebegleiter hatte Glück und fand seinen Koffer. Meiner blieb verschwunden. Die zuständigen Mitarbeiter weigerten sich, einen Report über mein vermisstes Gepäckstück aufzunehmen, da zu viele Gepäckstücke verschwunden waren und verlangten, dass wir am Abend nochmal wiederkommen und erneut suchen sollten. Es könne aber durchaus ein paar Tage dauern, bis das Gepäck auftaucht. Nach dem ersten Schock war ich einfach nur froh, dass Alfonso sicher in meinem Handgepäck saß.

Beim Verlassen des Flughafens erwartete uns der erste Lichtblick: Cinnabon! Während ich eine Zimtschnecke vertilgte buchte mein Reisebegleiter unsere Tickets am Sales Desk für den nächsten Vormittag um. Anschließend fuhren wir, inspiriert von der Flughafenwerbung mit dem Taxi ins Ibis-Hotel (was sich als sehr gute Wahl herausstellte, kann ich nur empfehlen). Nach einer ausgiebigen Dusche ging es dann in die Al Seeb Mall, wo ich mir bei H&M die nötigsten Sachen zusammenkaufte. Danach wieder zum Horror-Flughafen, wo der Koffer natürlich immer noch nicht aufgetaucht war. Endlich durfte ich einen Bericht über das fehlende Gepäckstück aufgeben. Zurück im Hotel fiel ich in den gefühlt allertiefsten Schlaf meines Lebens.

Auch am nächsten Vormittag war mein Gepäck noch nicht wieder aufgetaucht, weswegen ich darum bat, dieses direkt nach Teheran zurückzuschicken, sobald es wieder auftaucht. Den Gedanken, dass es ganz verschwunden sein könnte, versuchte ich tapfer zu verdrängen. Am Flughafen stank es immer noch, aber die Menschenmasse hatte sich deutlich verkleinert. Und tatsächlich wurde um halb neun wie geplant unser Flug aufgerufen. Mit etwa 40 Stunden Verspätung ging es endlich auf nach Muscat!

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Startklar!


Bei der Gulf Airline werde ich morgen schriftlich Beschwerde einlegen. Der Sandsturm liegt zwar nicht in der Verantwortung der Airline, aber der Umgang mit den Passagieren hätte deutlich anders sein müssen. Wir haben in der gesamten Zeit nur sehr wenige Informationen, keinen Hotelgutschein bzw. Schlafgelegenheit und nichts zu essen oder zu trinken erhalten. Als Studentin hätte ich mir solche Späße noch nicht leisten können und wäre wahrscheinlich verhungert. Ich werde berichten. PS: Oman Air flog übrigens die ganze Zeit…

10 Kommentare zu “Wie man innerhalb von 24 Stunden 9,5 Kilo verliert

  1. Oh nein! Das klingt echt hart. Vor allem alles zusammen: müde, stickig, voll und ohne Essen und Trinken. Ich drücke dir die Daumen, dass du etwas mit deiner Beschwerde erreichst und dir vielleicht etwas erstattet wird. Und krass..da liegt einfach ne Pistole auf der Bank ?!

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    • Ja, wir haben uns auch sehr gewundert. Ich kann nicht sagen, ob das eine echte oder eine Spielzeugpistole ist. Aber für mich sah die ziemlich echt aus… Die Sicherheitskontrolle ist zumindest was Frauen angeht sehr lasch. Du gehst in einem vor gierigen Männeraugen abgeschirmten Bereich durch einen von diesen Bögen und wirst wenn du piepst, abgetastet. Da sind sie aber gerade bei Frauen im Tschador nicht sehr gründlich. Schon sehr beunruhigend das alles…

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  2. Unfassbar! Schade, wenn eine Tour so beginnt. Ich hoffe, der restliche Aufenthalt konnte euch noch etwas entschädigen. Das Gepäck ist ja zum Glück wieder aufgetaucht, hatte ich gesehen? 🙂 Was ein Glück! Ich würde ausrasten wenn so viele liebe Sachen von mir wegkommen würden. Ich werde künftig übrigens mal versuchen nur noch mit Handgepäck zu reisen. Habe mal alles von unserer 4 wöchigen Asientour zusammengekratzt und mit separater Kameratasche und Hipbag komme ich mit einem Handgepäckstück tatsächlich klar… ein nächstes Ausprobierabenteuer ist noch nicht in Sicht, aber wenn, werde ich berichten 😉

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    • nur handgepäck? das wäre für mich eine riesige herausforderung! ich nehme grundsätzlich immer zu viel mit. deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, dass mein koffer wieder aufgetaucht ist 😀 die restliche zeit war leider viel zu kurz, aber ich denke ich werde wiederkommen 🙂

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